History

High Tech Windsurf - das Brett mit einstellbarem Rocker (übersetzt aus dem französischen Windsurfmagazin "Wind" Ausgabe November 1998)

Der einstellbare Rocker - das Jahr 2000 ist nicht mehr weit. Technische Neuheiten, außerirdische Fusion, neue Technik, Zukunftsmusik, 3.Jahrtausend...ich hatte einen Traum...das schaltbare Windsurfboard existiert... die Geschichte des Rockers. Auf Fuerteventura hat Magma, ein kleines Team von Designern, Shapern und Testfahrern, das einstellbare Rockersystem während des Surfens, erfunden.

Von: Benjamin Bard, Photos Ludovic Franco

ARS steht für "Adjustable Rocker System" . Könnte dies die Revolution des Surfboarddesigns sein'?
Das "Wind" Magazin wollte mehr darüber erfahren, also fanden wir uns vor Ort ein und trafen die Erfinder, Konstrukteure, Tester, vor allem wollten wir aber selbst diese unglaubliche Neuheit ausprobieren.
Aufgepasst... dies ist ein weltweiter "Exklusivbericht"

etwas Geschichte....

Redaktion Wind Magazin, 16:48 Uhr am Dienstag, den 17.02.98, das Telefon klingelt zum 100sten Mal an diesem Tag. Die Stimme am anderen Ende ist mir nicht unbekannt, sein Englisch hat einen deutschen Klang und ich erkenne Ronny Kiaulehn, früher Testfahrer bei Fanatic / ART,mit dem ich gemeinsame Tests in Tarifa gemacht hatte. Ronny, inzwischen Windsurf Photograph, verbringt den Winter am "North Shore" auf Fuerteventura und erklärt mir, daß er über eine Neuheit gestolpert sei, die das Gesicht des Windsurfens verändern könnte.
Die Fantasien eines verrückten Shapers, einige angefangene Prototypen eines abgedrehten Designers - Ronny hat mehr gesehen als die meisten, man kann sich auf seine Aussage verlassen...
Als er mir ganz nebenbei von den Board-Prototypen mit verstellbarem Rocker während des Surfens erzählte, denkbar einfach bedienbar durch Druck mit dem Fuß , dachte ich mir, daß auf dieser verlorenen Insel der Kanaren wohl einiges vor sich gehen muß. "Stell Dir vor Du fährst mit einem Slalomboard full speed im Kabbelwasser, die Knochen klappern, Du bist bereit zur Halse, nimmst den Fuß aus der hinteren Schlaufe, drückst ihn auf die Leekante und durch einen im Brett integrierten Mechanismus verstärkt sich die Heckaufbiegung (Rocker)." Das jetzt weniger steife Brett bringt mehr Komfort und bessere Kontrolle in der Kurve
" So etwas habe ich in meiner ganzen Zeit bei Fanatic nicht erlebt - diese Jungens sind wirklich erstaunlich!" Laut Ronny haben sich die beiden Deutschen im Norden von Fuerteventura in Lajares niedergelassen. Der Eine ist ein in Deutschland bekannter Shaper, der sich auf die Fertigung von Prototypen mit flexiblen Heck (flex-tail) spezialisiert hat. Der Andere wurde mir als der "Denker" beschrieben, der Künstler, das Genie, der jeden Morgen mit einem Arm voller neuer Ideen erscheint.
Ronny hat versprochen Fotos zu schicken." An dem Projekt ist vielleicht ein großer Hersteller interessiert", mehr verrät Ronny nicht! Neugierig, aber überzeugt setze ich sofort eine Notiz darüber ins Wind Magazin und hoffe damit auf neue Ãœberraschungen. Es vergingen Wochen und Monate ohne das ich etwas von den mysteriösen Shaper / Erfinder hörte. Bis Juli hatte Ronny noch immer keine Fotos geschickt und kein großer Hersteller ließ etwas von einer Neuheit hören... Die Beiden schienen vielleicht nicht weitergemacht zu haben,fehlten ihnen einfach die Möglichkeiten??
Ãœberraschenderweise hörten wir einige Tage später dann doch wieder von ihnen und zwar von Karim Goujon, der gerade vom Worldcup auf Fuerteventura zurückkam. Er hatte ebenfalls von zwei Shapern gehört, die ernsthaft an einem verstellbaren Rockersystem während des Surfens arbeiten. Angeblich sei von einem Patent die Rede und einer großen Firma, die daran interessiert sei. Daraufhin erschien auch eine Notiz von mir in der Septemberausgabe von "Wind":
"Die Rückkehr des Flex-Tail". Einige Tage nachdem der Artikel herauskam, erhielten wir dann endlich einen Anruf: Raoul Legertier ist auf die Notiz aufmerksam geworden und war erstaunt, daß von zwei deutschen Shapern die Rede war, ohne zu erwähnen, daß zu dem Team ein dritter Mann gehört, ein Franzose und zwar sein Bruder Achille, der seit 6 Jahren auf Fuerte lebt.
Das Geheimnis vom verstellbarem Rocker wird etwas gelüftet. Achille war von Anfang dabei, er betreibt die Wekstatt "Magma" gemeinsam mit Helmut, dem bekannten deutschen Shaper von "Flex-Tail" Boards und Kai, den bereits erwähnten verrückten Erfinder. Wir erfuhren, daß seit dem ersten Board Januar '98 mit —Halsenknopf (ein im Board integrierter Mechanismus mit dem man während der Halse den Rocker verstärken kann) enorme Verbesserungen erzielt worden waren...
Der Mechanismus ist jetzt sowohl einfacher als auch praktischer. Perfekt ins Board integriert bietet er die Möglichkeit, zwischen zwei verschiedenen Rockersystemen zu wählen. Durch ein Pedal auf dem Deck kann man ein steifes Brett mit gestreckter Linie zu einem Waveboard umschalten. Raoul war zu Anfang auch skeptisch, jetzt ist er begeistert von dem neuesten Ergebnis und weckt damit auch unser Interesse.

TECHNIK

Wie kam die Entwicklung bei Magma zustande ??
Kai ist sowohl Künstler als auch Windsurfer. Auf Fuerte malt er, denkt sich Sachen aus, surft wann er Lust hat und spielt Gitarre mit Freunden in einer Band, immer alles ganz locker. Als er den deutschen Shaper Helmut kennenlernt und von dessen Boards mit "flexiblem Heck" erfährt, ist er beeindruckt. Er testet ein Board und fährt darauf ab, obwohl er selbst nicht der Supersurfer ist, kann er das Board bei schwierigen Bedingungen besser kontrollieren.
Kai glaubt an die Möglichkeit eines "hybriden" Boards, das sich den Bedingungen anpassen läßt. Eine Kombination aus Slalomrocker und Waveboardoutline, die Schnelligkeit und Beweglichkeit bringt. Nicht schlecht aber nicht 100% effizient. Er denkt auch über das Challenge Flex von Mistral nach, das 10 Jahre zuvor produziert wurde. Ein interessantes System, der Rocker war allerdings nur an Land zu verändern. Er sucht ein System, mit dem man den Rocker direkt auf dem Wasser verändern kann. Ähnlich der Gangschaltung im Auto soll der Rocker im Bruchteil einer Sekunde vom flachen zum gebogenen Board umstellbar sein und natürlich auch umgekehrt, je nach Bedingungen. Am Anfang entwickelte Kai mit Magma einen interessanten Mechanismus aus Hebeln, Gelenken und Bowdenzügen, der durch ein Pedal zu aktivieren war und die Rockerlinie nach oben, während der Halse und des Wellenabreitens, leicht verändert. Die Weiterentwicklung war: ein Stück Weichschaum befand sich in einem Schlitz zwischen Board und Platte, so ließ sich die Rockerlinie um einige Millimeter verstellen. Die Finnbox saß in der Platte und störte somit die Harmonie der Biegung. Die Lösung dieses Problems war der Durchbruch für das Team. Die Platte muß unabhängig von der Finnbox sein, um deren Biegung nicht zu beeinflussen. Die Idee, das die Platte sich gegen die vorgegebene Form des Boards legt, war geboren. Die flexible Platte hat einen Schlitz und kann sich so, unabhängig von der sich darin befindenden Finne bewegen lassen. Dank dieser Platte zeigt die Rockerveränderung wirkliche Konsequenz (20 mm).
In der oberen Position ergibt sich ein typisches Waveboard Konzept (mit viel Rocker, je nach Shape), während die untere Position ein "Slalom" oder "onshore" Konzept ergibt, da es eine fast flache Unterwasserlinie hat.
Das Interessanteste an Magmas neuem System ist die Nutzung zweier verschiedener Rockerlinien auf einfache Weise. Ohne Frage ist der Prototyp von einwandfreier Qualität, preisgünstig (Mechanik) hergestellt und sieht gut aus. Das Endresultat ist erstaunlich simpel und auch in großer Serie einfach herzustellen. Der verrückte Mechanismus vom Anfang; der kaum aussah wie Windsurfmaterial, hat sich in ein geniales System verändert (Tampen, ein paar Schrauben, etwas Karbon und eine kleine Feder) !

TEST

Der Prototyp im Test auf Fuerte hatte einen typischen Raoul Lequertier Waveboardshape, mit dem Unterschied, daß das ARS (Adjustable Rocker System) eingebaut war. Ein System, das dem Board wahlweise zwei verschiedene Rockermöglichkeiten gibt, (17mm Unterschied).
Bevor wir aufs Wasser gehen, machen wir uns mit dem System vertraut. Es sieht alles sehr einfach aus: ein zylindrischer Schalter vor der hinteren Fußschlaufe steht ein wenig aus dem Brett raus. Er läßt sich leicht mit der Ferse herunterdrücken und rastet dort ein. In dem Moment wird die Platte durch einen Tampen nach oben perfekt gegen die vorgegebene Form des Boards gezogen. Jetzt haben wir ein ideales Waveboard. Ein kleiner Gurt zwischen Fußschlaufe und Schalter ermöglicht per Fußdruck das Zurückschalten in die gerade Position. Die gerade Platte ist nicht total verriegelt, sondern nur ein kleiner Widerstand hält sie in dieser Position. Darum - es ist kein "einfaches" Flex-Tail ! Denn auf dem Wasser sieht man schnell, daß sich die Platte nicht bewegt. Das Wasser übt nur leichten Druck auf diesen Teil des Brettes aus (verteilt sich). Die Platte zeigt keine Vibration, auch nicht im Kabbelwasser. Nur bei der Landung nach einem Sprung absorbiert das System durch kurzes hochklappen der Platte den Schock und kehrt sofort in die verriegelte gerade Position zurück. Die Sensibilität der Verriegelung läßt sich am Strand voreinstellen. Durch die Aufhebung der Verriegelung erhält man den permanenten Flexbetrieb.

Auf dem Wasser..

Man geht aufs Wasser, das Board in der geraden Position und erlebt direktes Angleiten. Ab dem Moment, wo man gleitet und auf den Knopf drückt, biegt sich die Platte an das Board, es verliert Richtungsstabilität und etwas Speed. (17mm plötzliche Veränderung machenwirklich einen Unterschied)!! Es wird aber dadurch mehr "loose", lebendig und viel drehfreudiger! Um wieder zu beschleunigen reicht ein leichter Kick mit dem Fuß gegen die hintere Fußschlaufe, welche mit der Mechanik verbunden ist - das Brett nimmt die gerade Position wieder ein. Wenn man sich ersteinmal daran gewöhnt hat, (ca. 10 Min, abhängig vom Fahrkönnen und den Bedingungen) kann's losgehen die Wellen wirklich zu schlitzen: um durch's Weißwasser zu kommen und zum springen wählt man, logischer Weise, die gerade Position für maximale Beschleunigung - die Wirkung ist enorm (der Prototyp war sehr klein, sicherlich weniger als 70 Liter Volumen, hatte aber unglaubliche Gleiteigenschaften). Man kann weit rausfahren um die "Sets zu checken" denn man weiß, daß man Dank der gestreckten Unterwasserlinie ohne Probleme wieder zurückkommt. Und in dem Moment, wo man weiß, daß man die Welle wirklich hat, schaltet man in die höhere Position.
Ab dann hat man ein einmaliges Waveboard unter den Füßen. Kein unveränderbares Board kann solch eine radikale Aufbiegung im Heck vertragen ohne seine Gleiteigenschaften zu verlieren. Das Abreiten der Wellen ist super, die Turns sind unglaublich einfach und präzise und erlauben einem Top Surfer an sein Limit zu gehen, ohne Angst vorm "einspitzeln" in hohlbrechenden Wellen. Diese Radikalität ist in der geraden Position unmöglich. Der getestete Prototyp (im September) ist wirklich attraktiv wegen seiner Vorteile auf dem Wasser. Die Bedienung ist nach kurzer Eingewöhnung ganz einfach. Nach ein paar Stunden Windsurfen ist man total mit dem System vertraut und kann die Vorzüge eines "fun Spielzeugs" voll genießen. Es ist das erste wirkliche "2 in 1" Board, welches wir je testen konnten, das nicht am Strand verstellt werden muß, alles passiert auf dem Wasser, als wäre es gar nichts!
Die Stabilität und Zuverlässigkeit des Konzepts ist fehlerfrei, es ist sehr einfach, haftbar und zeigt keine Schwachpunkte.
Die Tatsache, daß Achille und sein Bruder Raoul für den Test den "hardcore spot" Cotillo (Mega Shore-Break, ultrafeiner Sand) gewählt haben, bürgt für die Haltbarkeit und Funktion.

Zukunftsgewißheit

Zweifellos ist die Neuheit von Magma sehr interessant, hat unwiderstehliche Vorteile und ist Wegbereiter zu neuen Konzepten. Es eröffnet neue Perspektiven in den verschiedenen Windsurfbereichen: es ist ideal für "Convertibles". Dieses System ist das wirkliche Convertible ohne Kompromisse der Rockerlinie. Egal welche Stellung man wählt, der Gewinn an Vielseitigkeitist enorm. Im Rennen z.B., wo man die fast gerade Rockerlinie braucht, um hart am Wind zu segeln,aber andererseits die Gebogene um bei raumen Wind die Ralfs frei zu haben. Der einstellbare Rocker kann das Gesicht der Disziplinen verändern! Wo die ganze Welt versucht ein kompliziertes, unrealisierbares System zu finden, haben Kai und seine Gruppe von Besessenen erfolgreich eine Vesion von Prototype mit einfacher Mechanik entwickelt! man kann sich vorstellen, daß das System für einen Hersteller für einer Großserie interessant sein könnte. Warum nicht ? Vielleicht haben in 10 Jahren alle Boards dieses System. Im Juli kamen die Vertreter der Mistral Produkte um die vorletzte Version des "ARS" von Magma (eingebaut in ein Mistral 263) in Sotavento zu testen. Ihnen gefiel die Funktion, sie haben aber nicht die weiterentwickelte Septemberversion gesehen.Magma hat seitdem nichts mehr von Mistral gehört, aber die Firma mit dem M und dem Punkt ist ja nicht die einzige auf der Welt...